Wegen hoher Steuern und Sozialabgaben?

Immer mehr gut ausgebildete Menschen verlassen Deutschland. Nach Ansicht der Bayerischen Staatszeitung sind daran auch Steuern und Sozialabgaben schuld. Was bedeutet das für den sozialen Sektor?

Selbst das wirtschaftlich erfolgreiche Bayern ist nach einem Bericht der Bayerischen Staatszeitung von der steigenden Auswanderung Erwerbstätiger betroffen. Die Zeitung zitiert eine Auswertung des Statistischen Bundesamtes, nach der im vergangenen Jahr fast 47.000 Erwerbstätige aus Bayern ins Ausland zogen. Damit wurde ein neuer Höchststand erreicht. Gleichzeitig kamen nur rund 15.000 Erwerbstätige aus dem Ausland nach Bayern oder kehrten dorthin zurück.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind unter den Ausgewanderten überproportional viele Fachkräfte und Personen mit höheren Einkommen. Damit kann die Abwanderung Auswirkungen auf das Arbeitskräfteangebot und die Steuereinnahmen haben.

Eine repräsentative Untersuchung des Jobportals Indeed kommt zudem zu dem Ergebnis, dass bis zu 30 Prozent der Erwerbstätigen in Bayern zumindest über einen Umzug ins Ausland nachdenken oder bereits konkrete Schritte wie Bewerbungen unternehmen.

Unterschiedliche Gründe für einen Wegzug

Die Motive für einen Umzug ins Ausland sind vielfältig. Dazu gehören persönliche Beziehungen, berufliche Möglichkeiten, das Interesse an anderen Ländern sowie finanzielle Faktoren. In der genannten Befragung spielen auch Steuern und Sozialabgaben eine wichtige Rolle.

Ein Beispiel ist ein in dem Beitrag vorgestellter 39‑jähriger Münchner Biochemiker. Er verdient nach eigenen Angaben 105.000 Euro brutto im Jahr und nennt seine Belastung durch Steuern und Sozialbeiträge als einen Grund für seine Überlegungen, nach Südkorea zu ziehen. Daneben verweist er auf berufliche Möglichkeiten sowie auf Infrastruktur und öffentliche Sicherheit in seinem möglichen Zielland.

Relevant für Steuern und Abgaben

Frank Wießner, Soziologieprofessor an der Katholischen Universität Eichstätt, sieht die Abwanderung von Erwerbstätigen als relevant für Arbeitsmarkt und Steuereinnahmen. Zugleich weist er darauf hin, dass ein Aufenthalt im Ausland nicht zwangsläufig dauerhaft sein müsse. Gerade jüngere Erwerbstätige könnten einen solchen Schritt nutzen, um zeitlich befristet internationale Berufserfahrung zu sammeln.

Auch die sozialen Sicherungssysteme der Zielländer können sich von Deutschland unterscheiden. Je nach Land müssen etwa Krankenversicherung und Altersvorsorge stärker privat finanziert werden.

Eine Indeed-Untersuchung deutet allerdings darauf hin, dass insbesondere ausgewanderte Fach- und Führungskräfte häufig langfristig im Ausland bleiben wollen. Demnach geben 77 Prozent dieser Gruppe an, dauerhaft im Ausland bleiben zu wollen.

Unterschiedliche Bewertungen der Ursachen

Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), sieht in der Entwicklung ein strukturelles Problem für die bayerische Wirtschaft. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels seien Unternehmen auf qualifizierte Arbeitskräfte angewiesen. Als einen wichtigen Faktor für die Abwanderung nennt Brossardt die Höhe von Steuern und Sozialabgaben in Deutschland.

Aus seiner Sicht müsse Deutschland seine Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit verbessern. Das Reformpaket der Bundesregierung bewertet er als Schritt in diese Richtung, hält jedoch weitergehende Maßnahmen für notwendig.

Andere politische Akteure setzen bei der Bewertung andere Schwerpunkte. Die bayerische SPD-Vorsitzende Ronja Endres nennt neben dem Wunsch nach Auslandserfahrungen unter anderem hohe Lebenshaltungskosten, Bürokratie und fehlende berufliche Perspektiven als mögliche Gründe für einen Wegzug. Sie spricht sich für Investitionen in Wachstum, gute Arbeitsbedingungen und eine verlässliche Alterssicherung aus.

Heftige Kritik zog dagegen ihr Parteifreund Karl Lauterbach auf sich. Er reagierte auf X mit den Worten, er könne „das Gejammere über die hohen Sozialbeiträge (schnief!) nicht mehr hören“. Deutschland könne auf diese Menschen „gut verzichten“.

In Kürze

  • Fast 47.000 Erwerbstätige zogen im vergangenen Jahr von Bayern ins Ausland – ein neuer Höchststand.
  • Gleichzeitig kamen nur rund 15.000 Erwerbstätige aus dem Ausland nach Bayern.
  • Unter den Ausgewanderten befinden sich überdurchschnittlich viele Fachkräfte und Personen mit höheren Einkommen.
  • Als Gründe für einen Wegzug werden unter anderem Steuern und Sozialabgaben, berufliche Chancen, Lebenshaltungskosten und persönliche Motive genannt.
  • Über die Ursachen und mögliche Gegenmaßnahmen gibt es unterschiedliche Einschätzungen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik.

Was bedeutet das?

Die Zahlen könnten die Diskussionen um den Ausbau des Sozialstaates neu befeuern und den Druck erhöhen, den Anstieg der Steuer- und Abgabenbelastung zu stoppen oder sogar umzukehren. Das wiederum hätte Folgen für die Haushalte von Bund, Ländern und Gemeinden – und damit auch für die Finanzierung sozialer Projekte.

Quelle: Bayerische Staatszeitung

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